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GASTMODERNE: Ausstellung und Begleitprogramm zum „Potsdam“ in Minsk und dem „Minsk“ in Potsdam

Events
  • Erstellt: 05.10.2022 / 14:09 Uhr von FeV
Das neue eröffnete Potsdamer Kunsthaus Minsk ist seit Tagen in aller Munde. Doch wie kam es eigentlich zu einer belarussischen Nationalitätengaststätte in Potsdam? Wie sah das Partnerrestaurant aus, das „Potsdam“ in Minsk? Welche belarussischen und ostdeutschen Künstler:innen haben die Interieurs der Restaurants warum wie gestaltet? Und wie gehen wir mit dem Erbe dieses 50jährigen Austauschs und des Sozialismus um?

Die Ausstellung „GASTMODERNE“, welche am 6. Oktober im Rechenzentrum eröffnet, erzählt ausführlich von der ambivalenten Entstehungsgeschichte und der Gestaltung der Restaurants in Minsk und in Potsdam in den 1970er Jahren. „GASTMODERNE“ erinnert außerdem an das umkämpfte Schicksal der Bauwerke nach dem Ende der gastronomischen Nutzungen und schlägt den Bogen von den Debatten rund um die Potsdamer Stadtentwicklung bis zu den niedergeschlagenen Protesten in Belarus im Spätsommer und Herbst 2020. „GASTMODERNE“ ist die Potsdamer Edition Partnerausstellung zum Ausstellungsprojekt »Das Minsk«, das im Oktober 2020 in der belarussischen Hauptstadt stattfand.

Die Geschichts- und Kunstausstellung zeigt Originalobjekte der mittlerweile verschwundenen Interieurs beider Gaststätten, historische Fotos, Pläne, Archivmaterial sowie Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen aus Belarus, Deutschland und Kanada. Die Künstler:innen Rozalina Busel (Belarus, aktuell in Polen), Uladzimir Hramovich (Belarus, aktuell in Berlin), Rodney LaTourelle (Kanada, lebt in Berlin), Martin Maleschka (Eisenhüttenstadt) und Sonya Schöneberger (Berlin) und kommentieren den Umgang mit dem Nachlass des Austauschs und mit dem Bauerbe der Nachkriegsmoderne.

Das Begleitprogramm lädt Beteiligte aus der 50-jährigen Geschichte Potsdam - Minsk in Zeitzeugentreffen, Stadtführungen, Rundgängen, Artist Talk und Vortrag ein den Austausch fortzusetzen.

„Die Schicksale der beiden Restaurantgebäude und die Zeugnisse zivilgesellschaftlichen Widerstands in Minsk und Potsdam sind mehr als nur architektonische Zeitgeschichte“, betont Oxana Gourinovitch, Kuratorin der Ausstellung: „Sie verraten auch viel über politische Prozesse und Erinnerungskultur.“ Die Architekturhistorikerin Oxana Gourinovitch hatte ebenfalls die Ausstellung „Das Minsk“ kuratiert, welche im Oktober 2020 in Belarus gezeigt wurde.

Anja Engel, Leiterin des Kunsthauses Rechenzentrum, Mitinitiatorin der Ausstellung in Potsdam und zuständig für das Begleitprogramm, freut sich „dass die Ausstellung mit dem Rechenzentrum einen Ort gefunden, der ebenfalls für Debatten über das Erbe der sozialistischen Moderne, die Macht der Zivilgesellschaft und das Recht auf Dissens steht.“

Die Gastmoderne eröffnet am 6. Oktober 2022 um 17 Uhr mit Grußworten von Noosha Aubel, Beigeordnete für Bildung, Jugend, Kultur und Sport der Landeshauptstadt Potsdam, von Steffen Pfrogner von der Bürgerinitiative Pro- Brauhausberg und aus dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Brandenburg.

Die Ausstellung wird bis zum 27. Oktober gezeigt.
Öffnungszeiten: Mit – Fre: 14 – 18 Uhr, Sam & Son: 11 – 16 Uhr
Der Eintritt ist frei. Spenden sind erwünscht.

Die Geschichte
Vor mehr als 50 Jahren begann ein Austausch zwischen Potsdam und Minsk, der seitdem die Zivilgesellschaften der beiden Städte auf verschiedene Weise verbindet. Daraus gingen zwei Gaststätten hervor: 1971 eröffnete das Restaurant »Potsdam« in Minsk; 1977 begann die Nutzung des Terrassenrestaurants »Minsk« in Potsdam. Ihre Inneneinrichtung wurde jeweils von Künstlerkollektiven aus der namensgebenden Stadt gestaltet.

Sowohl vor ihrer Eröffnung als auch nach ihrer Schließung brachten und bringen die Restaurants die Bürger:innen der beiden Städte an die Verhandlungstische. Vor 50 Jahren verhandelten die Künstlerkollektive neue Formen der nationalen und regionalen Selbstrepräsentation. Dabei galt es, sowohl den Erwartungen der Gastgeber:innen gerecht zu werden als auch der politischen Agenda und persönlichen Ambitionen der zuständigen Parteikomitees. Heute motivieren die Nachlässe der Restaurants die transnationalen Auseinandersetzungen über den Umgang mit dem sozialistischen Bauerbe, über die Macht und Ohnmacht der Zivilgesellschaft, das Recht auf Stadt und die Teilhabe an der Gestaltung des kollektiven Erinnerns.

Die Ausstellung widmet sich in vier Räumen den Aushandlungsprozessen, die von den beiden Gaststätten im Laufe der Jahrzehnte in Potsdam und Minsk angeregt wurden.

»Potsdam« in Minsk
Der erste Raum erzählt vom Start des Austauschs bis zur Eröffnung und von der Nutzung des Restaurants Potsdam:
1970 fuhren Fachleute aus Potsdam nach Minsk fuhren um sich im Bereich Wohnungsbau zu informieren. Einige Potsdamer Architekt:innen äußerten im Anschluss an die Reise den Wunsch, ein Restaurant nach Minsker Vorbild in Potsdam zu bauen. – die Idee eines Gaststättentauschs war geboren. Innerhalb von neun Monaten richtete das Potsdamer Künstlerkollektiv um Werner Nerlich und Architektin Ingrid Bathe das Restaurant »Potsdam« in Minsk ein. Die Gaststätte eröffnete im Juni 1971. Es wurde zu einer prominenten Landmarke und fungierte als Portal zum „Westen”. Das Restaurant wurde zum Treffpunkt der diplomatischen, politischen und kulturellen Elite, aber auch der „Farzovschchiki” — der Spekulant:innen, die westliche Waren an gutsituierte Minsker:innen brachten.

»Minsk« in Potsdam
Im zweiten Raum geht es um die Einrichtung des »Minsk«, die 1976 begann. Die Einrichtung wurde von belarussischen Künstler:innen um Monumentalkünstler Vladimir Stelmashonok entworfen und teilweise in Minsk hergestellt. Die „nationale” Gestaltung der Innenräume ließ unterschiedliche Lesarten zu: So interpretierte das ostdeutsche Publikum Elemente als „exotisch” und dekorativ – aus belarussischer Sicht waren es Darstellungen Minsker Kriegsikonen. Insbesondere bei der Fenstergestaltung handelte es sich um symbolische Darstellungen des Sieges über Nazi-Deutschland.

Für ein »Minsk« in Potsdam
Raum drei erzählt von der Zeit ab den 2000er Jahren, als das Minsk vor allem Raver, Street Artists, Urban Explorer und Wohnungslose anlockte und als das verfallende Gebäude wesentlicher Bestandteil der lebhaften Potsdamer Stadtdebatten wurde. Sein drohender Abriss weckte Fragen nach dem angemessenen Umgang mit sozialistischem Bauerbe. Das Interesse am Erhalt des »Minsk«-Gebäudes brachte auch Teile der Zivilgesellschaft zusammen, die bei anderen Fragestellungen als zerstritten galten. Durch jahrelanges Engagement von Initiativen, Gruppen und Einzelpersonen mit Petitionen, Offenen Briefen, Denkmalschutzempfehlungen, Aktionen und Demonstrationen konnte bis 2019 der Abriss verhindert werden - bis der Kauf des Grundstücks durch einen Stifter und Mäzen die Abrisspläne endgültig beilegte. Es entstand ein privates Kunstmuseum in den Mauern des einstigen Restaurants, welches im September 2022 eröffnete.

Für ein »Potsdam« in Minsk
Der vierte wirft den Blick wieder nach Minsk. Der überraschende Ausgang des Engagements in Potsdam inspirierte Minsker:innen zu dem Ausstellungsprojekt „Das Minsk“, welches im Oktober 2020 in der belarussischen Hauptstadt in Trägerschaft des lokalen Goethe-Instituts gezeigt wurde. Das Projekt sollte unter anderem die Minsker:innen zu mehr gesellschaftlichem Engagement ermutigen und das aufkeimende Interesse an sozialistischer Moderne nähren. Als die Ausstellung im Oktober 2020 eröffnete, war jedoch keine solche Ermutigung nötig. Das Land war von einem friedlichen Protest beispiellosen Ausmaßes ergriffen. Die belarussischen Ausstellungsmacherinnen nahmen selbst täglich an den Demonstrationen teil; einige wurden verhaftet und wochenlang gefangen gehalten. Die Institutionen, die das Ausstellungsprojekt in Minsk getragen hatten, existieren heute nicht mehr. Fast alle an der Ausstellung Beteiligten sind momentan im Exil in Litauen, Polen oder Deutschland. Die brutale Niederschlagung der Proteste führte vor Augen, was für ein rares Gut eine liberale demokratische Ordnung, mit ihrem Recht auf Meinungsverschiedenheiten, darstellt.

Bilder

Metallrelief im POTSDAM von W. Nerlich und K-H. Hantel. c Privatarchiv Nerlich
Panoramafenster im »Minsk«. Privatarchiv Vladimir Stelmashonok
Aus Glas-Mosaiken der ehemaligen Fassade des Centrum Warenhaus am Ostbahnhof geblasen aus der Reihe „Die Party ist vorbei“ von Sonya Schöneberger
T 4-T Hramovich
T 4-T Hramovich
»Potsdam« in Minsk_Vorm „Potsdam“ 1976, c Natalya Dorosh
Für ein »Minsk« in Potsdam_Aktivisten 2011 c Christian Klusemann
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