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Erfolg oder Misserfolg: Perspektiven auf die Transformationszeit nach der Wende

Stadtgeschehen
  • Erstellt: 17.02.2024 / 10:01 Uhr von Christiane Fuchs
Was haben ein ehemaliger Ministerpräsident, eine Unternehmerin und ein Musiker gemeinsam? Sie alle haben aus der ehemaligen DDR kommend, die Wendezeit miterlebt und gestaltet. Am Donnerstagabend berichteten Matthias Platzeck, Karin Genrich und Michael Boden (Bodenski) über ihre Erfahrungen in der Transformationszeit. Anlass dafür war die Vorstellung des Buches „Umstrittene Umbrüche“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG).

Die drei Herausgeber von drei verschiedenen Forschungseinrichtungen
- Dr. Peter Ulrich Weiß von der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (LAkD),
- Dr. Irmgard Zündorf vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und
- Florentine Schmidtmann vom HBPG
stellten in kurzen Vorträgen ihre Überlegungen und Forschungsergebnisse vor.

Generell waren der Umbruch 1989/90 in der ehemaligen DDR und die sich anschließende Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft bewegende Zeitabschnitte, die die Menschen, auch die Diskutanten, unterschiedlich erlebt haben und bis heute unterschiedlich bewerten.

Mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung und mehr Gestaltungsmöglichkeiten gingen einher mit Massenarbeitslosigkeit, rechtsextremer Gewalt und sozialer Unsicherheit.

Matthias Platzeck erinnerte sich an die Jahre vor dem Mauerfall, als die barocke Innenstadt Potsdams drohte, verloren zu gehen: „Wir wollten wenigstens nicht nur zugucken.“ Und so entstand eine Bürgerbewegung, die verschiedene Abrisse verhindert hat. Nach 1990 machte Matthias Platzeck in verschiedenen politischen Rollen von sich reden, bis er 2002 als Nachfolger von Manfred Stolpe Brandenburger Ministerpräsident wurde.

In einem Haus in der Gutenbergstraße, von dem hier und da der Putz bröckelte, hatte sich ungefähr zur gleichen Zeit, wie die Potsdamer Bürgerbewegung aufkeimte, Karin Genrich gewerblich niedergelassen – ein Novum zu dieser Zeit. Denn eine Gewerbeerlaubnis zu erhalten und damit aus dem planwirtschaftlichen System der DDR auszubrechen, war den Staatsorganen ein Dorn im Auge. Nach drei Jahren Warte- und Kampfeszeit erhielt die „Grande Dame der Potsdamer Modeszene“ endlich ihre Gewerbeerlaubnis und sah sich fortan mit ganz anderen Problemen beschäftigt: Woher beziehe ich meine Ware? Werde ich überwacht? Und dann mit der Wende die Frage: Gehe ich das unternehmerische Risiko der Marktwirtschaft ein? Dabei berichtete sie auch von den Verhandlungen mit der Treuhand, die sie weder als fair noch als respektvoll und auf Augenhöhe bezeichnen kann.

Michael Boden, der Mitbegründer der Band Subway to Sally, dem erfolgreichsten Musikexport Brandenburgs, erzählte, wie für ihn 1990 eine Neu-Zeit begann. Er und seine Musikerkollegen dachten: „Wir müssen alles anders machen.“ Daher wurde aus der ehemaligen Band mit deutschem Namen eine Band mit einem englischen Namen, auch die Songs wurden nunmehr auf englisch gesungen.

Schnell wurde ihnen jedoch klar, dass sie einzigartig werden und sein müssten, wollten sie erfolgreich sein. Der Name blieb, doch seit dem zweiten Album MCMXCV(1995) sangen sie wieder deutsch und entwickelten ihren besonderen Musikstil, den man i.w.S. als Heavy Gothic-Metal in lyrisch-deutscher Sprache bezeichnen könnte.

So waren für die Podiumsgäste die Wende und die sich anschließende Umbruchzeit eben auch eine ganz persönliche Transformationszeit. Die sich ergebenen Chancen wussten sie zu nutzen.

Das Buch „Umstrittene Umbrüche“ zeigt darüber hinaus auch Biografien auf von jenen, für die die Transformation mehr Zerstörung als Aufbau bedeutete.

Letztlich, darüber waren sich die Historiker der Forschungsebene und die drei Diskutanten aus der Erfahrungsebene einig, käme es darauf an, viel mehr voneinander zu lernen und den gegenseitigen Austausch zu suchen. Mehr Respekt und Zeit füreinander, mehr Dialogbereitschaft würde helfen, die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Transformationszeit kennenzulernen und zu akzeptieren, so die Mitherausgeberin und Ausstellungskuratorin Florentine Schmidtmann.

Bilder

Unter den Gästen: die Potsdamer Schriftstellerin Julia Schoch
Katja Melzer, die Leiterin des HBPG, begrüßt die Gäste
Mitherausgeber des Buches, Dr. Peter Ulrich Weiß
Fotografische Erinnerungen an die 1990er Jahre
Die Podiumsdiskutanten
Foto-Präsentation
Florentine Schmidtmann und Bodenski
Matthias Platzeck
Karin Genrich
Michael Boden und Karin Genrich
Michael ‚Bodenski‘ Boden
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