Die Arbeit der Kuratorin: Ideen, Recherche und die Suche nach Bildern
Gleich zu Beginn machte Dr. Warmt deutlich, wie viel detektivische Arbeit hinter einer solchen Ausstellung steckt. Ideen entstehen aus intensiver Forschung, aus Gesprächen mit Sammlern, Galeristen und Kollegen – und manchmal auch aus reinen Zufällen.
So bittet sie etwa Auktionshäuser darum, Sammler auf mögliche Leihgaben anzusprechen. Inspiriert durch die Hagemeister-Ausstellung, weiß die Kuratorin: „Wo ein Hagemeister hängt, hängt oft auch ein Brockhusen.“ Und so ergaben sich schon im Vorfeld zur Brockhusen-Ausstellung wichtige Kontakte zu Leihgebern, die auch ihre Hagemeister-Bilder verliehen hatten.
Hin und wieder erhält sie auch direkte Hinweise: So meldete sich eines Tages ein Kunstsammler und erzählte von einem Ordner, den er eigentlich entsorgen wollte. Es handelte sich um Unterlagen der Tochter Brockhusens – mit bislang unbekannten Dokumenten und Fotografien. Solche Funde erweiterten das Bild über den Künstler - auch wenn es manchmal nur ganz kleine neue Spuren seien, so die Kuratorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Potsdam Museums.
Das Ausleihen der Werke selbst ist komplex und kostspielig. Bilder müssen gegebenenfalls verglast, in Klimakisten transportiert und von Restauratoren begleitet werden. Zustandsprotokolle, Versicherungen und Sicherheitsauflagen treiben die Kosten in die Höhe. Bis die Werke an der Museumswand hängen, müssen oft Tausende von Euros ausgegeben werden.
Dass dennoch 41 Gemälde sowie 15 Grafiken und Zeichnungen von Brockhusen zusammengetragen werden konnten, war nicht zuletzt Überzeugungsarbeit: Viele Leihgeber verzichten nur ungern für rund vier Monate auf ihre Brockhusen-Bilder. „Wir leben so gern mit seinen Bildern“, sei ein oft gehörter Satz der Leihgeber, erinnerte sich Dr. Hendrikje Warmt, die 2012 an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über den Berliner Sezessionisten Karl Hagemeister promovierte.
Ein Shooting Star des Spätimpressionismus
Theo von Brockhusen gilt als Vertreter des deutschen Spätimpressionismus. Viele Besucher sind überrascht, einen heute vergleichsweise unbekannten Künstler kennenzulernen, der zu seiner Zeit – insbesondere während der Jahre der Berliner Secession – ein regelrechter Shooting Star war.
Geboren 1882 in Ostpreußen, studierte er von 1897/98 bis 1903 Malerei in Königsberg. 1904 siedelte er nach Berlin. 1906 trat er der Berliner Secession bei, einer Künstlervereinigung, der er bis 1913 angehörte. Durch seine Förderer Max Liebermann und Paul Cassirer, einem Galeristen, hatte er in Berlin schnell viel Anerkennung gefunden.
Sein Hauptwerk entstand zwischen 1905 und 1910. Brockhusen reiste gern, lebte zeitweise in Belgien und Italien und malte dort. Dort entstanden seine Werke, die im ersten Ausstellungsraum zu sehen sind: Strandszenen der damaligen Zeit im belgischen Knokke.
In Berlin zog es ihn an den Wannsee, in Brandenburg an den Schwielowsee oder nach Seelow. Hier entstand das Werk, das untrennbar mit der Schönheit der märkischen Landschaft verbunden ist. Brockhusen war in der Künstlerszene beliebt, lebenslustig, humorvoll und offen.
Brockhusen starb jung an einem Lungenleiden: Mit nur 36 Jahren hinterließ er ein Œuvre von etwa 220 bekannten Werken. Auf dem Kunstmarkt erzielen seine Gemälde heute Preise um die 50.000 Euro.
Monografie und Dialog
Die Ausstellung ist als monografische Werkschau angelegt, zeigt Brockhusen jedoch zugleich im Kreis seiner Künstlerkollegen. Um seine Eigenständigkeit ebenso wie seine Bezüge zu verdeutlichen, werden seine Werke bewusst gespiegelt: Neben Brockhusen hängen Arbeiten von Karl Hagemeister, Max Liebermann oder Hannah Schreiber de Grahl, einer Schülerin von Hagemeister.
Im ersten Raum begegnen den Besuchern Strand- und Szenenbilder aus dem belgischen Knokke. Es folgen Brandenburger Landschaften, etwa aus dem Oderbruch bei Seelow – jener Gegend, in der Brockhusen auch seine Frau kennenlernte, die er 1909 heiratete. Ein besonderer Höhepunkt sind zwei bislang nie öffentlich gezeigte Bilder von Baumgartenbrück und seiner damaligen Holzbrücke.
In der Rotunde widmet sich die Ausstellung dem Biergarten- und Ausflugsmilieu. Damals wie heute zog es die Berliner ins Umland, nach Wannsee oder Baumgartenbrück. „Es sind Bilder des Verweilens“, merkte die Kuratorin an – Momentaufnahmen des Innehaltens und Genießens.
Anfänglich orientierte sich Brockhusen an Vincent van Gogh. Doch schon früh setzte er die Zentralachsen seiner Bilder anders, malte pastös und entwickelte eine ganz eigene Bildkonstruktion. „Er war ein echter Bildkompositeur“, betonte Dr. Warmt. Besonders an der Küste fand er zu seinem Stil: Er spielte mit Komplementärfarben, verzichtete bewusst auf Schwarz und erzeugte so eine intensive Licht- und Schattenwirkung. Der dickflüssige Pinselstrich verleiht den Bildern eine besondere Dynamik und Bewegung im Raum.
Im dritten Raum findet sich das Titelbild der Ausstellung „An der Havel“, entstanden um 1912. In diesem Werk habe sich Brockhusen wirklich gefunden, so Warmt. Atmosphäre, Sommerlicht, der starke Fokus auf den Himmel – all das mache die Qualität des Bildes aus. „Als ich es sah, wusste ich: Das ist das Titelbild.“
In eigenen Ausstellungs-Kojen werden in den Räumen auch die Galeristen Paul Cassirer und Ferdinand Möller vorgestellt. Möller erbte den künstlerischen Nachlass Brockhusens und sorgte dafür, dass dessen Werke auch nach seinem frühen Tod regelmäßig ausgestellt wurde. Die letzte umfassende Ausstellung war 1925. Insofern haben die ausgestellten Brockhusen-Bilder seit 100 Jahren die Öffentlichkeit nicht mehr gesehen.
Im Untergeschoss zeigt das Potsdam Museum unter dem Titel „Kaleidoskop der Moderne“ Werke anderer Künstler, die zur Zeit Brockhusens wirkten: bspw. Max Liebermann, Lovis Corinth, Philipp Franck, Käthe Kollwitz, Fritz Klimsch, Georg Kolbe, Karl Hagemeister, Dora Hitz, Walter Leistikow, Emil Pottner, Lesser Ury und Julie Wolfthorn. Gezeigt werden dabei nicht nur Gemälde, sondern auch Aquarelle, Grafiken, Keramiken und Plastiken der Bildhauer Georg Kolbe und Fritz Klimsch. „Diese Vielfalt zu zeigen, war mir wichtig“, so die Kuratorin.
Noch bis zum 22.03.2026 zeigt das Potsdam Museum diese große besondere Ausstellung über das Wirken des Theo von Brockhusens in seiner Zeit.
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