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"Potsdam Exklusiv" auf Meetingpoint: #14/26: Ein Leben gegen Widerstände - fotografisch festgehalten von Susanne Müller

Potsdam Exklusiv
  • Erstellt: 05.04.2026 / 17:01 Uhr von Potsdam Exklusiv
Am Mittwochabend, 1. April, war die Galerie KUNST-KONTOR wieder gut besucht, denn Friederike Sehmsdorf hatte zum Gespräch mit Susanne Müller eingeladen, jener Künstlerin, deren Fotografien seit dem 22. März ausgestellt sind. Rund 40 Gäste, darunter etliche bekannte Fotografen Potsdams, bspw. Eberhard Thonfeld, dessen Werk eine umfangreiche Dokumentation des Holländischen Viertels umfasst, wollten hören, wie es Susanne Müller, Jahrgang 1954, in ihrem Leben ergangen ist. Und welche Philosophie hinter ihren Fotografien steckt.

Susanne Müller, geboren in Erfurt, ist eine Frau, die man heute als resilient bezeichnen würde – was wiederum beweist, dass Menschen schon immer mit den Widernissen ihrer Gegenwart überlebensstark umgehen mussten und konnten. Gleich mehrere Male hat Susanne Müller erleben müssen, dass ein Gegner unfair spielt. Mit Mut, Trotz und Widerstandswillen hat sie überlebt und sich immer wieder neu erfunden.

Den erste Tiefschlag musste sie im Rahmen der Bewerbung um einen Studienplatz der Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig kontern. Weil ihr Bruder in den Westen gehen wollte, wurde sie kurzerhand in Sippenhaft genommen. Der Studienplatz, auf den sie ein Jahr warten musste, wurde ihr wieder aberkannt. Mit einem Anwalt hat sie sich jedoch erfolgreich zur Wehr gesetzt.

Der nächste Tiefschlag kam, als sie mitten im Diplom steckte - Anfang der Achtziger Jahre. Eine Fotografie-Serie über Punks sollte ihre Diplomarbeit werden. Doch Punks selbst und das positive Interesse ihnen gegenüber wurde von der DDR-Staatsführung nicht gern gesehen, schon gar nicht, wenn man, so wie Susanne Müller, sich mit den Punks, die in der DDR als abnormal galten, freundschaftliche Kontakte unterhielt. So kamen die Punks zu ihr nach Hause, man aß und feierte gemeinsam. Susanne Müller begleitete die Punks zu Events nach Berlin und fotografierte sie auch auf ihrer Arbeitsstelle.

Die Stasi wollte diesen Kontakt unterbinden, wollte die junge Frau anwerben, die ablehnte. Als sie zu einer Fotografiersession übers Wochenende unterwegs war, holte die Stasi ihren damals gerade mal eineinhalb Jahre alten Sohn von der Kinderfrau ab, die auf ihn aufpaßte. Es dauerte viele Stunden bis Susanne Müller von der Polizei den Aufenthaltsort ihres Sohnes erfuhr: man hatte ihn in ein Kinderheim verbracht. Von dort holte sie ihn dann schnellstmöglich ab. Ein traumatisches Erlebnis - bis heute.

Die Fotografien der Punks verschwanden in der Schublade. Jetzt werden sie erstmalig in der Galerie KUNST-KONTOR gezeigt und beeindrucken den Betrachter durch die große Nähe, die sie zeigen.

Zum Diplom war es für Susanne Müller nach dieser Belastung ein harter Weg. Erst 1985 schloß sie die Hochschule erfolgreich ab mit dem Fotografie-Zyklus „Geburt und Tod“. Gezeigt werden junge Eltern vor, während und nach der Geburt ihres Kindes. Das Säuglingsbild ging damals durch die ostdeutsche Presse und erhielt Auszeichnungen auf der X. Kunstausstellung (1987/88) der DDR in Dresden.

Es folgten fotografische Arbeiten über den Abzug der sowjetischen Besatzungskräfte im Land Brandenburg Anfang der 1990er Jahre. Der einfache Soldat, in dessen Blick soviel Traurigkeit ob der ungewissen Zukunft lag, ist der Protagonist dieser Fotos. Auch diese Arbeit endete mit einem KO-Schlag durch KO-Tropfen.

Dennoch ließ sich Susanne Müller nicht aufhalten, arbeitete weiter als Fotografin. Diese Karriere endete jedoch 2002 nach einem öffentlichen Eklat um die Ausstellung „Idas Töchter“, deren Hauptfotos drei Fotos von barbusigen Damen sind. Susanne Müller lehnte sich gegen die Zensur ihrer Kunst durch einen Brandenburger Ministerialbeamten auf.

2005 eröffnete sie dann ihr kleines feines Geschäft SchokoKunst, wo man neben ihren Fotos auch sehr hochwertige Schokoladen in allen Varianten kaufen konnte. Das Cafe avancierte schnell zum beliebten Treffpunkt für Künstler und Gleichgesinnte. 2017 schloß sie das Geschäft.

Fast 10 Jahre später zeigt sie in ihrer Ausstellung „Hey Schnecke, wann sind die Bilder fertig?“ einen fotografischen Auszug ihrer Lebensstationen. Präsentiert werden Fotografien aus den Jahren 1981 bis 2002: u.a. die Fotografien der Punks, eindrucksvolle Fotos von Arbeitern aus einem Schwermaschinenbaukombinat, Bilder der russischen Soldaten beim Abzug aus Deutschland und von alleinlebenden Männern in ihren Schlafzimmern. In Farbe zeigt Müller Fotos vom kubanischen Straßenleben mit seinem maroden Charme.

Allen Fotografien gemeinsam ist ihre Tiefe, die Nähe zum Subjekt in ungewöhnlichen bzw. besonderen Situationen. So berühren ihre Fotos bis heute und verdeutlichen, dass das Leben trotz seiner Unbillen schön ist.

Die Ausstellung ist noch bis zum 19. April zu sehen. Danach verläßt Susanne Müller ihre Wahlheimat Potsdam, wo sie rund 40 Jahre gelebt hat, und zieht in ihre Geburtsstadt Erfurt zurück.

[www.kunst-kontor-sehmsdorf.de]

[Potsdam Exklusiv] ist dabei - bei den außergewöhnlichen Shows, den großen Bällen, wichtigen Events, am Tisch interessanter Menschen. Ab sofort gibt es davon auch regelmäßig Einblicke auf Meetingpoint Potsdam - ganz exklusiv.

Bilder

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